Grenzen setzen statt gefallen wollen – wie ich lernte, Konflikte auszuhalten und mich damit gut zu fühlen.

Konflikte – und warum sie so schwer auszuhalten sind

Als kleines Mädchen wurde mir beigebracht, was sich für eine Frau „gehört“. Anfang der 80er: Sei leise, halte dich zurück, sage nicht deine Meinung, passe dich an. Diese Glaubenssätze begleiten viele Frauen seit Generationen. Doch als erwachsene Frau in meinen Vierzigern habe ich erst jetzt gelernt, Konflikten mutig entgegenzutreten, meine Grenzen klar zu setzen und sie auch zu verteidigen.

Doch wie erkennt man, dass es an der Zeit ist, Stellung zu beziehen? Konflikte im beruflichen Kontext waren für mich lange Zeit eine Belastung. Ich fühlte mich schlecht, spürte ein diffuses Unwohlsein, ohne genau zu wissen, warum. Erst als ich begriff, dass mein eigenes Verhalten und meine erlernten Muster eine Rolle spielten, wurde mir klar: Ich muss etwas ändern – und zwar bei mir selbst.

Der erste Schritt: Bewusstwerden und Umdenken

Es war eine Herausforderung, meine Grenzen aufzuzeigen, wenn ich doch ein Leben lang darauf trainiert war, mich zurückzunehmen. Ich stellte mir viele Fragen: Wie spricht man, wenn man gehört werden will? Wie steht man? Wie atmet man? Und vor allem – warum glaubte mein Gegenüber, dass es mit mir so sprechen oder so umgehen kann?

Mein erster Reflex war, mit Humor zu reagieren. Witze als Waffe gegen unangemessene Bemerkungen, frauenfeindliche Sprüche oder respektloses Verhalten. Doch oft hatte das einen fragwürdigen Erfolg: Plötzlich galt ich als Spielverderberin, weil man in meiner Gegenwart nicht mehr „einfach man selbst sein konnte“. Und dann kamen die Zweifel: Bin ich das? Anstrengend, überempfindlich, eine „Furie“? Wenn es bedeutet, dass ich für mich einstehe – ja. Aber geht es vielleicht noch besser?

Der zweite Schritt: Klare Kommunikation

Ich begann, meine Worte bewusster zu wählen und mir Sätze zurechtzulegen, die mir vorher nie über die Lippen gekommen wären:

  • „Dieser Witz ist unangemessen, ich möchte das nicht hören.“
  • „Das Verhalten ist respektlos, ich bitte dich, das zu unterlassen.“
  • „Kann ich meinen Satz bitte zu Ende bringen?“
  • „Es ist mir egal, wie du das gemeint hast – es ist nicht in Ordnung.“
  • „Ich fühle mich hier nicht vollständig gesehen.“

Diese Aussagen zu treffen, kostete mich Energie, Zeit und Übung. Der erste Konflikt war ein Kraftakt: Meine Stimme war höher als sonst, mein Puls raste, ich sprach zu schnell. Danach ein Gefühlsausbruch – allein. Doch etwas war passiert: Ich hatte ein altes Muster durchbrochen. Und mit jedem weiteren Konflikt wurde es leichter.

Der dritte Schritt: Dranbleiben und wachsen

Heute stehe ich anders da: Adrenalin gibt es noch immer, aber meine Stimme ist tiefer, meine Atmung ruhiger. Ich bin nicht mehr laut – dafür aufrecht, klar und selbstbewusst. Und das Wichtigste: Ich kenne meine Grenzen und setze sie. Jedes Mal aufs Neue. Und es lohnt sich – jedes Mal.

Fazit: Konflikte als Chance begreifen

Konflikte sind unangenehm, aber sie sind auch Entwicklungsmomente. Sie helfen uns, eigene Muster zu erkennen und neue Wege zu gehen. Wer sich traut, seine Grenzen klar zu setzen, erlebt, wie sich die eigene Haltung, das Auftreten und letztlich auch die Reaktionen des Umfelds verändern. Es ist ein Prozess – aber einer, der jede investierte Kraft wert ist.

 Deine Sandra

 

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