Gewaltprävention
Verantwortung auf allen Ebenen
Die aktuellen Entwicklungen in der Gewaltkriminalität und der Präventionsarbeit in Deutschland geben Anlass zum Umdenken und zur dringenden Auseinandersetzung mit bestehenden Strukturen. Laut aktuellen Zahlen des Bundeskriminalamts ist die Anzahl tatverdächtiger Kinder im Bereich der Gewaltkriminalität im Jahr 2024 um 11,3 Prozent gestiegen, bei Jugendlichen um 3,8 Prozent. Im Langzeitvergleich erreichen beide Gruppen erneut Höchststände in ihrem Anteil an allen Tatverdächtigen. Diese Entwicklung verdeutlicht, dass Gewalt unter jungen Menschen kein Randphänomen ist, sondern eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung darstellt, die ein konsequentes und gemeinsames Handeln erfordert. (aus Stiftung Deutsches Forum für Kriminalprävention).
Auch im Rahmen einer Fachtagung stellte am 4. Juni 2025 das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend die Ergebnisse der bundesweiten „Bedarfsanalyse zur Prävention geschlechtsspezifischer und häuslicher Gewalt“ vor. Die Untersuchung zeichnet ein besorgniserregendes Bild: Das deutsche Präventionssystem weist weiterhin erhebliche Lücken auf. Die Studie, die vom Deutschen Jugendinstitut (DJI), dem Sozialwissenschaftlichen Forschungsinstitut zu Geschlechterfragen (SoFFI) und SOCLES erarbeitet wurde, kommt zu dem Schluss, dass es trotz der Verpflichtungen aus der Istanbul-Konvention und des neuen Gewalthilfegesetzes noch immer an einer bundesweit abgestimmten und wirksamen Präventionsstrategie fehlt.
Vor diesem Hintergrund gewinnt eine Erkenntnis aus der aktuellen Fachdebatte besondere Bedeutung: „Der beste Weg, Gewalt zu verhindern, ist eine gezielte und wissenschaftlich fundierte Therapie“, so die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde. Diese Einschätzung verweist auf die Notwendigkeit, Prävention, Intervention und Behandlung stärker miteinander zu verzahnen und Gewalt nicht nur zu reagieren, sondern ihr systematisch vorzubeugen.
Diese Entwicklungen werfen die zentrale Frage auf, warum bestehende Präventionsstrukturen bislang nicht ausreichend wirken? Obwohl in den letzten Jahren zahlreiche Programme, gesetzliche Grundlagen und Fachkonzepte entwickelt wurden, bleibt deren Umsetzung häufig fragmentiert. Prävention findet in unterschiedlichen Systemen statt – in Schule, Jugendhilfe, Gesundheitssystem und Justiz –, jedoch oft ohne ausreichende Verzahnung und gemeinsame strategische Ausrichtung.
Hinzu kommt, dass Gewaltprävention häufig erst dann greift, wenn Problemlagen bereits sichtbar geworden sind. Dabei zeigen wissenschaftliche Erkenntnisse deutlich, dass wirksame Prävention deutlich früher ansetzen muss: Bei den Lebensbedingungen von Kindern und Jugendlichen, bei der Stärkung sozial-emotionaler Kompetenzen und bei der frühzeitigen Unterstützung belasteter Familien. Wo diese frühen Zugänge fehlen oder nicht ausreichend ausgestattet sind, entstehen Versorgungslücken, die sich langfristig in Form von Gewaltverhalten, Eskalationen oder wiederholten Gewaltbiografien niederschlagen können.
Ein weiterer zentraler Aspekt ist die Frage nach Verbindlichkeit und Koordination. Zwar existieren zahlreiche gute Einzelprojekte, doch fehlt es häufig an einer übergeordneten Strategie, die Maßnahmen bündelt, evaluiert und flächendeckend implementiert. Prävention bleibt dadurch oft abhängig von regionalen Strukturen, Ressourcen und Prioritäten.
Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass Gewaltprävention nicht allein als Aufgabe einzelner Fachkräfte oder Institutionen verstanden werden kann. Sie ist vielmehr eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die eine klare politische Steuerung, interdisziplinäre Zusammenarbeit und langfristige Investitionen in Bildung, Gesundheit und soziale Infrastruktur erfordert.
Gleichzeitig wäre es verkürzt, Verantwortung ausschließlich auf politische und institutionelle Ebenen zu übertragen. Gewaltprävention beginnt auch im Alltag und im direkten Miteinander. Jede und jeder Einzelne trägt dazu bei, ob ein Umfeld entsteht, in dem Grenzverletzungen angesprochen, ernst genommen und nicht toleriert werden.
Das bedeutet, hinzuschauen, statt wegzusehen, Sprache bewusst zu wählen und klare Grenzen zu setzen, wenn diese überschritten werden. Es bedeutet auch, Verantwortung zu übernehmen, ob im Freundeskreis, in der Familie, in Bildungseinrichtungen oder am Arbeitsplatz. Oft sind es genau diese alltäglichen Situationen, in denen sich entscheidet, ob problematisches Verhalten bagatellisiert oder frühzeitig thematisiert wird.
Eine wirksame Gewaltprävention braucht daher nicht nur politische Strategien und professionelle Strukturen, sondern auch eine Gesellschaft, die bereit ist, Haltung zu zeigen. Gewalt zu verhindern ist keine abstrakte Aufgabe, sondern beginnt dort, wo Menschen Verantwortung füreinander übernehmen und respektvolles Verhalten aktiv vorleben.
Weiterbildung: Systemische Deeskalationspädagogik
Gewaltprävention braucht Strukturen – und handlungsfähige Fachkräfte
Wirksame Gewaltprävention entsteht nicht nur durch Konzepte und Schutzpläne. Sie braucht Fachkräfte, die Risiken früh erkennen, klar handeln und auch in angespannten Situationen beziehungsfähig bleiben.
Die Weiterbildung Systemische Deeskalationspädagogik (SysDePäd) verbindet Prävention, traumasensible Haltung, systemisches Denken und konkrete Handlungssicherheit für den pädagogischen Alltag.
Nächster Start: 21. Januar 2027 in Köln

Melanie Balle-Günthör
Geschäftsführerin von Traumastudio und Expertin für Sytemische Arbeit & Deeskalationspädagogik
Sie ist systemisch-integrative Beraterin, systemische Organisationsentwicklerin, Traumapädagogin & traumzentrierte Fachberaterin, EMDR-Coach & Diplom Sportwissenschaftlerin.
Als erfahrene Dozentin und Coachin für Trauma- und Systemische Fort- & Weiterbildungen, bringt sie zusätzlich jahrelange Erfahrung in der systemische Organisationsentwicklung in sozialen Einrichtungen mit.